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Im schönen Isengau


Im schönen Isengau
Das Züglein von Thann-Matzbach nach Isen ist allein schon ein Idyll: Ein rußiges Schmalzbockerl, das immer außer Atem ist, dann zwei oder drei alte Vizinalbahn-Wägen und ein Schatten, der hinterherläuft wie ein Kettenhund. Und draußen ziehen Äcker und Wiesen, Kirchtürme und Bauernhöfe an den Fenstern vorbei, und wenn wieder ein Bahnübergang kommt, stößt die Lokomotive einen schrillen Pfiff aus. So geht es ohne Eile in den altbayrischen Sommertag hinein, und das Zugfahren wird einem dabei ein solches Ereignis, daß man bald links, bald rechts den Kopf zum Fenster hinausstreckt und schaut und schaut. Da steht etwa mit spangrüner Turmhaube Lengdorf drüben, wo einst der hochwürdige Herr Valentin Kohlmüller auf der Pfarre saß und dem Dorfener Volksdichter Paulus ein so treuer Freund war; dann kommt Bittlbach und es fällt uns der alte Meichlbeck ein mit seiner Geschichte vom Ritter Hahold und dem jungen Arn, der dann Abt von Isen geworden ist. Doch „Puiiih“ macht die Lokomotive schon wieder und rechter Hand liegt auf einmal ganz im Grünen, der Markt Isen da: helle Häuser, die den Hang hinansteigen, vor allem aber das Zenomünster, mit seinem blockigen, wortkargen Turm. Und dieses stille Isen ist einer der wenigen Punkte, wo uns die frühen Ansätze der bayrischen Geschichte greifbar werden. Noch Bischof Joseph, der zweite Nachfolger des heiligen Korbinian, hat hier um 748 das erste Freisinger Tochterkloster gegründet und in seinem geliebten Isen auch die letzte Ruhestätte gefunden. Und man hatte, was immer Not tat: guten Ackerboden und unberührten Wald, die alte Straße über Steingassen – Steinberg – Steinspoint – Steinla – Strass, den Schutz des Bollwerkes von Burgrain; dazu blühten überall die Linden und die Bienenzucht – die „Zeidelweide“, wie man sagte! – gab reichen Ertrag…
                Freilich, mit den Ungarnstürmen und den Säkularisationen des 10. Jahrhunderts sank auch das Zenokloster zur Bedeutungslosigkeit herab und erst Bischöfe wie der große Abraham und nach ihm Eilenhard haben Isen wieder aus dem Verfall gehoben; noch im 11. Jahrhundert müssen dann statt der Benediktiner die weltlichen Chorherren aufgezogen sein. Und eben diese Chorherren haben uns im späten 12. Jahrhundert das Münster hingestellt. Den damaligen Papst rühmt uns die Portalschrift heute noch: „Uodalrich, glühend in Liebe zu Gott, hast du dies Glaubenswerk gefördert, mög dir dafür Christi Gnade offen stehen,“
                Isen, Ilmmünster, Moosburg, Hohenwart – gewiß, es gibt eine ganze Abfolge romanischer Münsterbauten, gruppiert um den Stauferdom von Freising, aber von allen steht wieder Isen dem Freisinger Vorbild am nächsten. Und man darf in Isen nur die gotische Vorhalle durchschreiten und am alten Portal den Schritt verhalten, dann empfindet man dasselbe schiffartige Wiegen des Raumes wie beim Freisinger Dom: Vorhalle, tiefer liegendes Mittelschiff, schließlich der durch die Krypta überhöhte Chor. Und wie in Freising hat man auch in Isen dem alten Bau das festliche Barockgewand übergeworfen. Strohweiße Stuckranken, leuchtende Fresken, flutendes Licht; dazu der sonore Prunk der Altäre und ein Chorgestühl in reichem Rokoko: zusammen muß es so viel Schönheit gewesen sein, daß selbst das 19. Jahrhundert nicht alles vernichten konnte. Gleich daneben steht aber wieder die herbe Symbolkraft des romanischen Hauptportals oder das geheimnisvolle Dämmern der alten Krypta. Schade, daß diese Krypa jetzt als Rumpelkammer dienen muß, denn sie ist ein Raum, so hart und eigensinnig, daß einem die Jahrhunderte wie versunken erscheinen. Man spürt hier fast feindlich kalt den Hauch einer Zeit von Trotz und Treue, Glaubenskraft und Verschlossenheit….
                Heraußen aber liegt der helle Tag mit seiner scheitelhohen Junisonne und wir gehen an breiten Häusern vorbei und alten Stiftsherrenhöfen und auf einmal läuft unser Weg an der Isen selber hin. Wie sie uns entgegenkommt, ist sie ein munteres Flüßlein, das eigentlich die Forellen gern haben müßten – so hurtig springt es über die braunen Steine und so viele Erlen begleiten sie. Aber uns lockt das alte Schloß Burgrain, daß herrisch über den Flußgrund schaut, als ob immer noch der fürstbischöfliche Pfleger droben säße. Wenn das Hochstift Freising beim Tauziehen mit den Bayernherzögen auch fast alle Besitztümer verloren hat, die Herrschaft über Burgrain und Isen hat es behaupten können bis herauf zur Säkularisation. Freilich, das Miniaturländchen war rings umschlossen von bayrischem Gebiet und mit Getreidesperre und Handelsbeschränkungen hat die Münchener Regierung denn Isenern die Daumenschrauben angelegt. Und doch hatte der Kleinstaat auch seine Vorteile; als 1724 Fürstbischof Johann Franz das tausendjährige Jubiläum seines Hoch-stiftes feierte, hat ihm Isen besonders herzlich gratuliert: wenn im spanischen Erbfolgekrieg das ganze Bayernland verheert worden sei, sind Isen und Burgrain durch die vorsorgliche Regierung des Bischofs doch „von allen rings herumb gestrichenen feindlichen Einfällen und den verderblichen Kriegsrechten befreit verblieben.“
                Bischof Johann Franz Eckher von Kapfing und Lichteneck, Freisings größter Barockfürst und Bauherr hat aber auch sein Burgrain besonders lieb gehabt. Die Schloßkapelle etwa hat er 1719 von Grund auf neu gebaut und man kann hier heute noch alle Freisinger Lokalmeister kennenlernen, vom Hofmaurermeister Dominik Glasl bis herab zum Lorenz Herdegen, „Hofmaler und hochfürstlicher Kammerdiener.“ Dazu hat Eckher auch die Wasserleitung auf den Berg geführt und das Bräuhaus vergrößert, überhaupt das ganze schloß umgebaut. Und doch hat Eckher, der altbayrische schlichte Landedelmann und gewaltiger Jäger vor dem Herrn, die alten Fürstenzimmer mit ihren Balkendecken und schweren Eichensäulen, ihren gotischen Türstürzen und mächtigen Hirschgeweihen alle belassen. Oder etwa den großen Saal im Obergeschoß, von dessen Fenstern aus ein lachender Blick über den Talgrund geht. Wenn da ein Tag war, hell und frei, hoch und blau, kurz ein Tag wie heut´, dann mag dem Fürstbischof wirklich ernst gewesen sein mit jenem Hochgefühl, das sein ganzes Leben und Schaffen trug: „Wir Johannes Franciscus, von Gottes Gnaden Bischof und des Heiligen Römischen Reiches Fürst…………“
Benno Hubensteiner, Juni 1951


Sattler Archiv Isen