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Kinderbewahranstalt


Die Kinderbewahranstalt Isen
 
Als der Isener Kindergarten, oder wie es damals hieß, die „Kinderbewahranstalt“ die Pforten öffnete, wurden gleich 59 Kinder eingeschrieben.
 
                                               „Und im Jahr des Herrn, eintausendneunhundert und zwei
                                               Do is losganga, es war am zwoaten Mai.
                                               I woaß guat, wie mei Vata noch oft erzählt,
                                               dös war für de kloana Is´ner a neue Welt.
                                               Besonders die Zeit um Weihnachten rum,
                                               Nikolaus, Christkindl-Theater mit Schwung,
                                               da hat sich was grührt in dem Haus da herin,
                                               d´Leut is bis heut no in Erinnerung blieb´n.“
 
So schrieb Anton Böld sen. 1952 in seinem Jubiläumsgedicht anläßlich der 50-Jahrfeier des Kindergartens.
                Die Kinderbewahranstalt entstand auf Grund der „Dekan Mutzl und Anna Mittermaier´schen Kleinkinderbewahranstaltsstiftung.“ Die ehemalige Benefiziantenköchin Anna Mittermaier aus Isen hatte in ihrem Testament vom 16. April 1880 unter Punkt vier verfügt, daß sie zu ihrem Universalerben die Marktgemeinde Isen einsetze, mit der Auflage, das Erbe zur Gründung einer Kleinkinderbewahranstalt zu verwenden. „Im Namen seiner Majestät des Königs wurde die Stiftung hauptsächlich aus letztwilligen Zuwendungen des verstorbenen katholischen Pfarrers und Dekans Johann Evangelist Mutzl und der verstorbenen Köchin Anna Mittermaier errichtet und die Genehmigung erteilt.“ (Schreiben des königlich bayrischen Staatsministeriums des Innern für Kirchen- und Schulangelegenheiten vom 18. Oktober 1908). Die Errichtung und Beaufsichtigung, respektive Gründung einer Kleinkinderbewahranstalt in Isen wurde durch das kgl. Bezirksamt Wasserburg am 5. August 1901 genehmigt „und unter´m 3. Dezember 1901 die allerhöchste Genehmigung erteilt.“ (Nachsatz zu den Statuten von 1901). Dekan Haberstock stellte seinen Pfarr-stadl als Kindergartengebäude zur Verfügung. Das Gebäude stand an der Stelle des heutigen neuen Raiffeisen-Volksbank Anbaues in der Bischof-Josef-Straße.



Kinder der Kinderbewahranstalt ca. 1920
                Zwei Franziskanerinnen vom Kloster Maria Stern in Augsburg, die Kindergärtnerin Sr. Oberin Borromäa Tomann und Sr. Prosperia Freund waren zuerst in Isen eingesetzt. Aus den Statuten vom 2. Juli 1901 sind einige Punkte besonders interessant:
„§1 Zweck der Anstalt soll sein, den kleinen noch nicht schulpflichtigen Kindern während der Tageszeit Aufenthalt im Anstaltsgebäude, sittliche Überwachung und körperliche Pflege angedeihen zu lassen, wie solche den Kindern von gewissenhaften Eltern nicht gewährt werden kann aus verschiedenen Gründen.“ Die Bewahranstalt soll also den Kindern das Elternhaus ersetzen, während die Eltern in der Arbeit sind, bei Abwesenheit oder sonstiger Verhinderung der Eltern.
„§2 Besucht kann die Anstalt werden, von allen Kindern, welche bereits gehen können, mit keinen ansteckenden Krankheiten behaftet sind und keiner außerordentlichen Pflege bedürfen. Krüppelhafte Kinder sind keineswegs ausgeschlossen; jedoch hätte zwischen Eltern, Anstaltspersonal und Anstalts-aufsichtsbehörde besondere Vereinbarung stattzufinden. Erster Grundsatz soll sein: Die Kinderbewahranstalt soll für Eltern und Kinder eine sichere Zufluchtsstätte sein, in geistiger und leiblicher Beziehung.“ Die Gebühr für die Benutzung der Anstalt wurde durch Gemeinderats- beschluss pro Kind und Woche festgesetzt auf 20 Pfennig, und das ganze statusbeschlußmäßig angenommen, genehmigt und festgelegt.
„§3 Geöffnet soll die Anstalt werden im Sommer um 7 Uhr, im Winter um 8 Uhr. Von 11 Uhr bis 12 Uhr ist Mittagspause, in welcher die Kinder zum Mittagessen heimgehen. Kinder aber, deren Eltern abwesend sind, wie z.B. die vielen Taglöhner und Forstarbeiter, können auch über Mittag in der Anstalt bleiben und erhalten hier entsprechende Kost, gegen eine entsprechende Entschädigung.
Geschlossen wird die Anstalt im Winter um 4 Uhr und im Sommer um 5 Uhr, oder während der Erntezeit, wenn die Eltern länger auf den Feldern beschäftigt sind, zu späterer Stunde; um 7 Uhr müssen die Kinder auchim Sommer die Anstalt verlassen. An Sonn- und Festtagen bleibt die Anstalt ganztägig geschlossen, ebenso an Samstagen und Festvorabenden nachmittags.“
                Sr. Prosperia verstarb leider sehr früh und für sie kam Sr. Reineldis, eine Handarbeitslehrerin, nach Isen. Sie unterwies die Schulmädchen in Handarbeit, natürlich ohne Entgelt. Sie wurde später von Schwester Friedmunda abgelöst, die während des Winters für große Mädchen eine private Handarbeitsschule einrichtete und im Sommer für die Leute nähte, die ihre Hilfe in Anspruch nehmen wollten.

 

Sterbebild Schwester Reineldis

 
                Um die notwendigen Dinge für die Betreuung der Kinder anschaffen zu können, fingen die Schwestern bald an, Theaterspiele mit jungen Leuten und den Kindern einzustudieren; alle machten begeistert mit und auf diese Weise kamen ein paar Mark in die Kasse. Einer der eifrigsten Theaterspieler war damals der junge Anton Böld sen. Sonntag für Sonntag opferte er für den guten Zweck seine Freizeit. Nach wie vor aber hatte der Kindergarten finanziell zu kämpfen – kein Wunder, waren die monatlichen Beiträge für die Kinderbetreuung äußerst gering. 1906 mußten die Eltern pro Kind 80 Pfennige, Anfang der 50iger Jahre 2,50 DM im Monat bezahlen. Große Unterstützung fand die „Kinderbewahranstalt“ damals durch den Bruder der Oberin Borromäa, der Stadtpfarrer in Nürnberg war und manch Scherflein der Isener Anstalt zukommen ließ.

 

Oberin Borromäa

Nach 33jährigem segensreichen Wirken in Isen wurde Sr. Oberin Borromäa 1935 von Sr. Oberin Syra Thurnhuber abgelöst. Auch sie setzte die Tradition des Theaterspielens, nun aber nur noch mit Kindern fort. Die Kinderzahlen stiegen in den 40er Jahren teilweise bis an die Zahl 100 heran und man kann sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie Sr. Syra das mit nur einer Helferin schaffte und die Kinder dabei noch so viele Lieder, Verse und Spiele lernten. Noch jetzt im Isener Festjahr 1984, sehe ich im Geiste den langen Zug der Kleinen, wenn sie an schönen, warmen Tagen mit der Sr. Oberin zum „Anstaltswald“ zogen, um dort beim „Fuschsloch“ zu spielen. Die Arbeit dieser drei Klosterfrauen – im Laufe der Zeit wurde die Kinderbewahranstalt mit einer dritten Schwester besetzt, die für Haus und Küche zuständig war – kann gar nicht hoch genug eingeschätzt werden. Für Gottes Lohn leisteten sie ihre Arbeit von früh bis spät, ihr Einkommen betrug 1968 z.B. nur ca. 100 DM je Schwester – wie sie davon leben konnten, ist eigentlich unbegreiflich und nur zu verstehen, wenn man eben die christliche Einstellung dieser Ordensfrauen bedenkt.    

 
    
Sterbebild Schwester Prosperia Freund

     
                Sr. Oberin Syra leitete die Anstalt 34 Jahre lang, bis sie dann 1969 vom Mutterhaus mit ihren Mitschwestern abberufen wurde. Damit war die Ära der Schwestern vom Kloster Maria Stern im Isener Kindergarten zu Ende. Nun herrschte im Markt bei den Familien mit kleinen Kindern natürlich Aufregung. Der damalige Pfarrer Neubauer und Bürgermeister Hallwachs bemühten sich sehr, den Kindergartenbetrieb zu erhalten und die Marktgemeinde stellte dann eine Kindergärtnerin ein. Zuerst leitete Fräulein Schwarzer den Kindergarten, dann Fräulein Brunauer und schließlich Frau Wiese.
                Als durch einen Dachstuhlbrand das Kindergartengebäude für fast ein Jahr unbenutzbar wurde, zog man für diese Zwischenzeit in das ehemalige Gütl auf dem Grundstück der alten Meindl-Villa. Die Verhältnisse wurden aber immer beengter und sie waren in keiner Weise mehr zeitgemäß. So entschlossen sich Marktgemeide und Pfarramt nach langen Verhandlungen mit dem Ordinariat zum Neubau eines Kindergartengebäudes. Gemeinde, Staat und Caritas trugen die Baulasten. Am 25. Oktober 1975 wurde von Caritasdirektor Geistl. Rat F.X. Ertl das neue Gebäude an der ISener Volksschule eingeweiht und damit seiner Bestimmung übergeben. Der heute pfarreigene Kindergarten wird von der Caritas betreut, Gemeinde, Staat und Eltern bestreiten den Haushalt.
                Im neuen Haus war Fräulein Gerecht die erste Leiterin, ihr folgten Frau Nuspel und Frau Schwamberger und ab 1982 leitete Frau Isolde Mittermaier den Kindergarten in dem nun mehr als 100 Kinder betreut werden.
 
Rupert Fruth 1984                                                                                                                        


Sattler Archiv Isen